Reinecke: Festlicher Marsch

20225
    Délai de livraison:5-7 jours
Ajouter au panier
  • Description
  • Plus

aus der Oper Auf hohen Befehl op. 184

für Flöte und Klavier

aus der Oper Auf hohen Befehl op. 184

für Flöte und Klavier

bearbeitet von Henrik Wiese

Audio


1. Zur Entstehung der Oper Auf hohen Befehl

 

Die komische Oper Auf hohen Befehl op. 184 schrieb Reinecke vermutlich in Hinblick auf sein 25. Dienstjubiläum als Leipziger Gewandhauskapellmeister im Herbst 1885. Er hat nicht nur die Musik sondern auch das Libretto zu diesem Bühnenwerk verfasst. Während sich der Textdichter Reinecke in anderen Werken hinter den Pseudonymen wie W. te Grove (z.B. Ein Abenteuer Händels op. 104) oder Heinrich Carsten (z.B. Dornröschen op. 139) versteckt, tritt er in der Oper Auf hohen Befehl als Dichterkomponist unter seinem tatsächlichen Namen auf.

Die Handlung basiert auf der Novelle Ovid am Hofe von Wilhelm Heinrich Riehl (1823–1897). Am 12. Juli 1884 berichtet er an seinen Schüler Gustav Tyson-Wolff (1840–1907): "Ich habe inzwischen ein Harfen=Concert mit Orchester geschrieben, welches übrigens sehr brillant geworden ist und – (aber entre nous) einen Text zu einer dreiaktigen komischen Oper." An seinen guten Freund Ferdinand Hiller (1811–1885) schreibt er am 21. Oktober 1884: "Amüsiren wird es Sie, wenn Sie erfahren, daß ich inzwischen eine dreiaktige komische Oper geschrieben, d. h. skizzirt, aber doch vollständig skizzirt habe. Den Text habe ich mir selber nach einer Riehl'schen Novelle geschrieben, ehe ich mich jedoch an die Composition machte, habe ich ihn einigen Theaterkundigen, u. A. Heinrich Behr, vorgelesen u. erst nachdem dieselben mir zugerathen, habe ich mich daran gemacht. Und wenn ich schließlich mit zerfledertem Helmbusch aus dem Kampfe mit dem Theaterpublikum hervorgehe, so halte ich das Unglück auch nicht für allzu groß. Aehnliches ist schon besseren Musikern als mir geschehen. Wie seltsam u. unberechenbar das Publikum Bühnenwerken gegenüber ist, ist gar nicht zu sagen." Am 9. Dezember 1884 bietet Reinecke Georg Alexander Herzog von Mecklenburg-Strelitz (1859–1909) an, ihm die Oper bzw. Teile daraus (wohl noch unter dem ursprünglichen Titel Ovid bei Hofe) vorzuspielen.

Aus einem Brief vom 5. September 1885 an einen unbekannten Verleger geht hervor, dass Reinecke die Komposition seiner Oper "soeben" beendet hat. Rückblickend schreibt er, dass die Instrumentation einige Zeit in Anspruch genommen hatte.

Der Klavierauszug erschien im Oktober 1885 in Max Hesse's Verlag, Leipzig. Zu einer Uraufführung in Leipzig anlässlich Reineckes Dienstjubiläums im Herbst 1885 kam es jedoch nicht. Stattdessen wurde das Werk erstmals am 1. Oktober 1886 in Hamburg und unter Reineckes Leitung auf die Bühne gebracht. Es folgten Aufführungen in Lübeck, Schwerin, Sondershausen, Aachen, Kiel, Regensburg, Halle und Dresden. Die Leipziger Erstaufführung unter der Leitung von Arthur Nikisch (1855–1922) fand erst am 17. Februar 1888 statt.

Eine Aufführung mit dem Tenor Emil Goetze (1856–1901), dem die Oper gewidmet ist, lässt sich bislang nicht nachweisen.

 

2. Zum Inhalt dieser Verwechslungskomödie

 

Heimlich gestehen sich Franz und Cornelia ihre feurige Liebe. An eine Hochzeit ist jedoch nicht zu denken, denn Ihre Väter sind verfeindet. Unter dem falschen Namen Howora gelingt es Franz, von Cornelias Vater, Singmeister Dal Segno, als Gesangschüler angenommen zu werden. Franz' Vater, der Kapellmeister und Hofpoet Ignaz Lämml, wurde vom Fürstenhaus derweil beauftragt, eine Oper nach Ovids Pyramus und Thisbe zu komponieren, auf Wunsch der Fürstin allerdings mit gutem Ausgang. Als nun ein Kammersänger am fürstlichen Hofe gesucht wird, beansprucht Kapellmeister Ignaz Lämml diese Stelle für seinen Sohn Franz. Gleichzeit fordert Singmeister Dal Segno sie für seinen neuen Eleven Howora ein. Ein Wettsingen zwischen Franz und seinem Alter Ego Howora wird am Hofe anberaumt. Um das Unmögliche möglich zu machen, verkleidet sich Cornelia als Franz.

Unter den Klängen des Festlichen Marsches treffen die Gäste ein, darunter Kapellmeister Ignaz Lämml, Singmeister Dal Segno, Franz (als Howora verkleidet), Cornelia (als Franz verkleidet), Julia dal Segno (die Schwester des Singmeisters, als Cornelia verkleidet) und das Fürstenpaar. "[W]ährend der Pianissimostelle im Marsch"(T. 54–70), eröffnet Julia dem erstaunten Franz in einem Dialog, dass auch sie sich verkleidet habe, nämlich als Cornelia, damit die List nicht auffliegt. Nach dem Wettsingen von den verkleideten Franz und Cornelia wird die Verwechslung aufgeklärt, die Väter schließen im Beisein des Fürstenpaares Frieden, und Franz und Cornelia dürfen heiraten.

Für den Zuhörer von Reineckes Oper erfüllt sich gleichzeitig der Wunsch der Fürstin nach der in Auftrag gegebenen Oper, deren Handlung zwar in einer kleinen Residenz Anfang des 18. Jahrhunderts und nicht in der Antike lokalisiert ist, aber mit der heimlichen Liebe und den zerstrittenen Eltern wesentliche Elemente von Ovids Erzählung aufnimmt und im Guten endet.

 

3. Die musikalischen Quellen

 

Einzelstücke aus der Oper wurden in Bearbeitungen für Klavier zu zwei oder vier Händen vertrieben, darunter auch die Verwandlungsmusik Marsch und Ballettmusik aus dem 3. Akt. Davon getrennt erschien der Marsch auch in Einzelausgabe unter dem spezifischeren Titel Festlicher Marsch.

Originalfassung der Oper (Partitur und Orchesterstimmen) und Klavier-Bearbeitungen dieser Musik unterscheiden sich nicht unwesentlich. So ist beispielsweise in der Orchesterfassung noch ein Takt nach T. 70 eingeschoben, in der Einzelausgabe für Klavier gehen dem Marsch noch zwei einleitende Takte mit einem Trompetensignal voran, während die Fassung für Klavier zu vier Händen darauf verzichtet. Auch die Vortragsbezeichnungen divergieren zwischen den Fassungen. Das betrifft besonders T. 38–70, in denen Reinecke das bekannte Thema aus der Undine-Sonate op. 167 wieder aufnimmt. In der vorliegenden Bearbeitung wurde versucht, eine plausible, praktische Lösung für die Vortragsbezeichnungen zu finden. Wer tiefer in den Vergleich der Lesarten eintauchen möchte, sollte sich direkt mit den musikalischen Quellen beschäftigen. Auch sei darauf hingewiesen, dass die (aus Perspektive der Undine-Sonate) unerwarteten Noten (z.B. es2 in T. 51) einheitlich in den Quellen so überliefert sind. Einzige Ausnahme ist die 4. Note c2 in T. 54, die zwar in der Orchesterfassung und in der Bearbeitung für Klavier zu vier Händen zu finden ist, im Klavierauszug steht allerdings das uns vertrautere as1.

 

4. Verbindung zur Undine-Sonate

 

Dass das bekannte Thema aus Reineckes Undine-Sonate op. 167 im Kontext seiner Oper Auf hohen Befehl wieder auftaucht, ermöglicht eine differenziertere Betrachtung.

 

In der Oper erscheint das Thema, als Franz seine Cornelia kurz vor dem Wettsingen unerwartet wiederzusehen meint. Tatsächlich ist es aber die verkleidete Julia dal Segno, die sich dahinter verbirgt und die Gründe dafür aufklärt. Schein und Sein weiß Reinecke geschickt in seiner Musik zu kodieren. Die vermeintliche Cornelia wird mit dem Thema in T. 38 verbunden. Dass sie aber nur von Julia dal Segno gespielt bzw. "kopiert" wird, versinnbildlicht Reinecke durch die Imitation der Melodiestimme ab T. 63ff. Auf die Undine-Sonate übertragen könnte das Thema also ganz konkret die Protagonistin Undine darstellen. Hier verzichtet Reinecke auch auf die Imitation.

Darüber hinaus wird das Thema in beiden Werken mit dem Geheimnis verbunden. In der Undine-Sonate findet sich im Intermezzo T. 97 und im Finale T. 289 jeweils die Vortragsbezeichnung misterioso. Vielleicht nimmt sie auf die geheimnisvolle, uns fremde Natur des Wassergeistes Undine Bezug. Im Festlichen Marsch ist die als Cornelia verkleidete Julia dal Segno die Geheimnisträgerin.